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Die Kunst des Vermögensaufbaus 2: Die Spekulation – Balanceakt zwischen Gier und Angst


Seit Menschengedenken wird spekuliert. Die Motivation dahinter ist immer die gleiche: Das gehandelte Objekt soll in Zukunft an Wert gewinnen. Der Rückspiegel der Börsengeschichte zeigt jedoch, dass manche Wette teuer bezahlt werden musste.

“Unabhängigkeit ist der höchste Wert”, lässt Martin Walser den Protagonisten seines neuen Romans Angstblüte sinnieren: “So, wie die Menschen sind, muss man unabhängig sein. Denn wenn Du abhängig bist, bist Du deformiert.” Das Prinzip hat Walser seinen Protagonisten Karl von Kahn von früh auf lernen lassen – er ist Vermögensverwalter der alten Schule: Ein Mann, für den Beruf Berufung ist.

“Geldvermehren ist – wie Schreiben – eine Lebensart, eine Kunst für sich”, erklärt der neben Günther Grass fraglos renommierteste deutsche Schriftsteller im Gespräch mit dem Anlegermagazin “Euro am Sonntag” zur Konzeption seines neuen Romans. Damit wird zum Gutteil auch erklärt, warum Karl von Kahn über die Jahrzehnte für sich und seine Klienten so gut abschneidet: Geldvermehrung ist für ihn ein sinnlicher Vorgang. “Weil er die Geldvermehrung um ihrer selbst willen betreibt, bringt sie etwas, nämlich Geld”, erklärt Walser.

Triebfeder der Spekulation: “Die Gier der Menschen, schnell und ohne Arbeit viel Geld zu machen”

Immer wieder jedoch lässt sich das Gros der Anleger von diesem Königsweg des sinnvollen Vermögenaufbaus abbringen. Wie im vorangegangenen Teil zu lesen war, reicht schon eine jährliche Rendite von beispielsweise acht Prozent, um das eingesetzte Kapital über die Jahrzehnte in erstaunliche Höhen zu treiben. Doch legen die Kurse einmal überproportional zu, wächst die Erwartungshaltung des Publikums oft genug ins Unermessliche – Anleger gehen vermehrt spekulative Positionen ein, die einem sinnvollen Vermögensaufbau bei nüchterner Betrachtung stark entgegenstehen.

Warum das so ist, hat der ungarische Grandseigneur der Börse André Kostolany in unnachahmlicher Weise beschrieben: “Die Triebfeder hinter der Spekulation ist die Gier der Menschen, schnell und ohne Arbeit viel Geld zu machen.” Doch das ist bekanntlich nur die eine Seite der Spekulation – läuft das Investment gegen einen, spielen manchem Börsianer plötzlich die Nerven einen Streich, und er veräußert eine Position, von der er vorher noch überzeugt war. Obwohl Panik und Euphorie bekanntermaßen als die schlechtesten Ratgeber bei Geldanlagen gelten, sind es doch diese nur allzu menschlichen Triebkräfte, die die erstaunlichen und oft genug völlig unvorhersehbaren Kursbewegungen der Märkte erst ausmachen.

Die erste Börse der Welt entstand in Amsterdam

Seit Menschengedenken bestimmt dieser Antagonismus nicht nur das menschliche Handeln – sondern eben auch den Handel. Menschen streben seit jeher nämlich danach, sich zu verbessern – sei es durch ihre Arbeitskraft, bestimmte Güter, Schmuck oder Schätze. Während im antiken Athen versucht wurde, mit Münzen Profite zu erzielen, blühte im alten Rom die Spekulation mit Getreide oder Waren.

Der Grundsatz ist immer derselbe: Durch möglichst vorausschauende Engagements soll das gehandelte Objekt in Zukunft an Wert gewinnen. Über den Umschlagplatz der Börse, wie wir sie heute in Grundzügen kennen, war dies erstmalig zu Anbruch des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden möglich: Hier entstand nämlich zu Beginn der großen Kolonialzeit in Amsterdam die erste Börse der Welt.

Die erste Aktie der Welt: Verenigde Ostindische Compagnie (VOC)

Als erste Aktiengesellschaft der Welt heimst die Verenigde Ostindische Compagnie (VOC) bis heute Ruhm in der Börsengeschichte ein: 1602 wurde das Kolonialunternehmen gegründet, das Pfeffer, Zimt und Ingwer aus Ostindien auf dem Schiffswege importierte. Weil der Überseehandel jedoch vor vier Jahrhunderten im wahrsten Sinne des Wortes einer Reise ins Ungewisse gleichkam, benötigte das junge Unternehmen zum Aufbau der Flotte zunächst einmal Geldmittel, die holländische Kapitalisten im Form von 64 Tonnen Gold bereitstellten.

Das Investment sollte sich auszahlen: “Als im Jahr 1604 die ersten Schiffe der Verenigde Ostindische Compagnie in See stachen, hatte die Gewinnphantasie die Kurse bereits um 30 bis 40 Prozent über den Emissionskurs steigen lassen”, resümierte Franz-Josef Leven, Direktor des Deutschen Aktien Instituts (DAI), vor zwei Jahren zum 400. Jahrestag der Aktie. “Alle hofften auf die Rückkehr der mit kostbaren Gütern beladenen Schiffsflotte. Die Hoffnungen waren berechtigt. In den ersten 80 Jahren ihres Bestehens erbrachte die VOC eine durchschnittliche Dividendenrendite von knapp 19 Prozent pro Jahr. Sagenhafte 1482 Prozent des ursprünglich eingezahlten Kapitals wurden an die Aktionäre ausgeschüttet”, erklärt Leven.

Mehr als acht Jahrzehnte lang ging die Wette auf die kostbaren Rohstoffe und Güter aus Indien gut – dann verzögerte sich 1688 eine wichtige Ladung und blieb auch in der Bewertung von 35 Tonnen unter den Erwartungen von 50 Tonnen Gold zurück: Die Aktie stürzte gnadenlos ab und sollte sich nicht mehr erholen.

Erster Spekulationsexzess der Börsengeschichte: Die Tulpenmanie

Bereits mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor hatte ein anderes Spekulationsobjekt erstaunliche Kapriolen geschlagen, das wie manches Edelmetall heute vor allem als Statussymbol galt – die Tulpe. Nachdem sich die zarte Pflanze im 16. Jahrhundert bereits beim Adel in der Türkei und Österreich großer Beliebtheit erfreute, verfielen einige Jahrzehnte später auch die Niederlande, seinerzeit neben Großbritannien das wirtschaftliche Zentrums Europas, dem Zauber der Tulpe: Prachtgärten entstanden, die Oberschicht schmückte sich zu gesellschaftlichen Anlässen mit der begehrten Blume.

Das Objekt der Begierde gewann folglich nicht nur an Ansehen – sondern auch dramatisch an Wert. Weil jedoch auch vor knapp vierhundert Jahren bereits in erster Linie die Zukunft gehandelt wurde, galt das vorrangige Interesse nicht der bereits aufgeblühten Tulpe, sondern vielmehr ihrer Zwiebel. Die Nachfrage überstieg schnell das Angebot: Neue Sorten wurden gezüchtet, was nur die nächste Welle der Faszination auslöste: Jeder wollte die vermeintlich schönsten, begehrtesten und seltensten Tulpenzwiebeln besitzen - die Preise schnellten explosionsartig in die Höhe: Zwischen 1634 und 1637 verfünfzigfachte sich das Preisniveau! In Amsterdam, so die Überlieferung, soll ein ganzes Haus für drei Tulpenzwiebeln verkauft worden sein. Für die wertvollste Tulpensorte, die Semper Augustus, wurden 1637 enorme 10.000 Gulden gezahlt, was nach heutiger Kaufkraft rund einer Million Euro entspricht.

“Tulpenzwiebeln waren plötzlich nicht mehr wert als gewöhnliche Zwiebeln”

Im Februar 1637 jedoch endete die Tulpenmanie jäh: Ein großer Kunde stellte bei seinem Lieferanten fest, dass die ihm angebotenen 350 Sorten bereits am Markt vorhanden waren – der Reiz der Rarität erlosch schlagartig. Bei der jährlichen Versteigerung in Alkmaar zogen sich daraufhin die Käufer zurück, die Preise fielen um über 95 Prozent – an nur einem Tag. “Tulpenzwiebeln waren plötzlich nicht mehr wert als gewöhnliche Zwiebeln”, resümierte André Kostolany. “Die Spekulanten, gestern noch Millionäre, waren nur noch Habenichtse, ‚Ritter von der traurigen Gestalt’. Das war der Börsenkrach”.

Eine solche haarsträubende Fehleinschätzung sollte für künftige Anlegergenerationen ein mahnendes Beispiel sein, sollte man glauben. Doch ein Blick in den Rückspiegel der Börsengeschichte beweist: Es sollte im vergangenen Jahrhundert noch schlimmer kommen.

Quelle/Source: yeald.de

AddThis Social Bookmark Button     Posted in Deutsch from Investor on 16. Dec. 2006


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