Die Kunst des Vermögensaufbaus 3: Spekulationsblasen
Jedes Jahrhundert hatte seine Spekulationsblasen. Während der vermeintlich so vielversprechende Südseehandel im 19. Jahrhundert selbst Anleger wie Isaac Newton Schiffbruch erleiden ließ, ruinierte der Börsenkrach von 1929 eine ganze Anlegergeneration.
Die Theorie ist einfach. “Die Börse schwankt zwischen Gier und Angst. Angst, alles zu verlieren, und der Gier, noch mehr Geld zu machen”, erklärte André Kostolany einst so treffend den ewigen Antagonismus, der den Handel an der Börse bestimmt. Für die meiste Zeit des Börsengeschehens befinden sich die duellierenden Triebkräfte halbwegs in einer Balance: Die Marktteilnehmer fällen ihre Kauf- oder Verkaufsentscheidungen nach überwiegend fundamentalen Kriterien.
Manchmal jedoch gewinnen die Mächte des Unbewussten über das Marktgeschehen so sehr die Oberhand, dass die Börse vermeintlich nur noch in eine Richtung läuft – nach oben oder nach unten. Nicht umsonst lautet eine der meistzitierten Börsenweisheiten: Die Märkte laufen weiter als man denkt. Wie wir im vorangegangenen Teil gelesen haben, galt dieses ungeschriebene Börsengesetz bereits im 17. Jahrhundert nach Eröffnung der ersten Börse in Amsterdam mit der Spekulationsblase um Tulpenzwiebeln. So absurd die spekulativen Exzesse aus heutiger Sicht auch erscheinen mögen – als abschreckendes Beispiel haben sie offenbar nicht gedient.
Spekulationsblase des 19. Jahrhunderts: “South Sea Bubble”
Im Rückspiegel der Börsengeschichte wird nämlich klar: Jedes Jahrhundert hatte seine Spekulationsblase. So sollte auf die Tulpenhysterie in den Niederlanden im 17. Jahrhundert rund 80 Jahre später die sogenannte “South Sea Bubble” in Großbritannien folgen. Das Muster gleicht der Begeisterung, die die Verenigde Ostindische Compagnie einige Jahrzehnte zuvor entfacht hatte: Diesmal jedoch versprach der Südseehandel mit exotischen Produkten wie Rohstoffen und Sklaven hohe Profite.
Vermeintlicher Profiteur davon war die South Sea Company. Die eigentliche Attraktivität bezog das Unternehmen jedoch aus einem Deal mit der englischen Regierung: South Sea übernahm die Staatsschulden der Bank von England in Höhe von 9 Millionen Pfund bei einer Verzinsung von 6 Prozent p.a. und erhielt im Gegenzug das Recht, neue Aktien zu emittieren. Der Kurs der Aktie, der Anfang 1720 noch bei 120 Pfund gelegen hatte, schoss binnen weniger Monate bis auf 950 Pfund empor, nachdem das Geschäftsfeld im Zuge des “Bubble Acts” gegen die Konkurrenz geschützt wurde – die South Sea Company besaß quasi ein Monopol auf den Handel mit Südamerika.
“Die Bewegung eines Körpers messen, aber nicht die menschliche Dummheit”
Dumm nur, dass die vermeintlich hervorragenden Zukunftsaussichten zu diesem Zeitpunkt noch von keinem einzigen realen Geschäft untermauert worden waren: Die South Sea Company hatte bis dato kein einziges Pfund Sterling verdient – und auch noch keinen einzigen Sklaven gehandelt. Im August begannen die ersten Aktionäre das Geschäftsmodell zu hinterfragen – und Aktien zu veräußern. Als klar wurde, dass das Unternehmen die zahlreichen Verkaufsorders nicht bedienen konnte, brach die Aktie innerhalb weniger Wochen von 800 auf 200 Pfund ein. Ende des Jahres wurden nur noch 100 Pfund bewilligt – das Papier stand dort, wo es einst den Handel begonnen hatte.
Zu den zahlreichen Spekulanten, die in der Hysterie um vermeintlich schnelle Gewinne ein Vermögen verloren, zählte auch der weltberühmte Physiker Isaac Newton, der insgesamt 20.000 Pfund einbüßte. Frustriert bemerkte der Wissenschaftler: “Ich kann die Bewegung eines Körpers messen, aber nicht die menschliche Dummheit”.
“Roaring Twenties “: US-Wirtschaftsboom so hoch wie Wolkenkratzer
In ähnlichem Maße gilt diese Aussage auch für den bis heute wohl größten Börsencrash aller Zeiten, der die gesamte Weltwirtschaft mit nach unten ziehen und einen fatalen Nährboden für radikale politische Kräfte darstellen sollte. Anfang der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts war davon jedoch kaum etwas zu erahnen. Im Gegenteil: Nach den dramatischen Verwicklungen des Ersten Weltkrieges waren die Vereinigten Staaten plötzlich zur Weltmacht aufgestiegen: Während Europa damit beschäftigt war, seine zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen und Kriegsschulden zu begleichen, haussierte die Konjunktur in den USA.
Die viel zitierten “Roaring Twenties” bescherten den USA eine Ära bislang nicht gekannter Prosperität: Die Wirtschaft boomte, Wolkenkratzer schossen in die Höhe, und die Amerikaner entdeckten die Börse als Umschlagplatz ihrer hochfliegenden Träume vom schnellen Wohlstand – Aktien entwickelten sich immer mehr zum “Talk of the Town”, zum allgemeinen Gesprächsthema des öffentlichen Lebens. Anlässe dazu gab es schließlich genug: Nach bereits einigen fetten Jahren hatte die Rally im Dow Jones ab 1927 erst richtig an Fahrt gewonnen. Der Leitindex der amerikanischen Aktienmärkte verteuerte sich im Laufe des Jahres um 25 Prozent – ein Anstieg von 150 auf über 203 Punkte bis Ende des Jahres.
Verhängnisvolle Fehleinschätzung: “Die Wall Street wird nichts dergleichen wie einen Crash erleben”
Zwölf Monate später notierte der US-Bluechip-Index jedoch bereits bei über 300 Punkten. Ein halbes Jahr später schien gar die 400-Punktemarke greifbar. Die Hausse nährte die Hausse: Angetrieben vom scheinbar nie verendenden Geldstrom der Investmenttrusts (den Vorläufern der heutigen Fondsgesellschaften) legten selbst Standardwerte wie General Electric, Radio Corporation of America (RCA) oder Montgomery Ward innerhalb von zwei Jahren zwischen 300 bis 500 Prozent zu!
Doch in jedem Gipfelsturm liegt bekanntlich bereits der Keim der Niedergangs – besonders dann, wenn die beherrschenden Marktökonomen ihrerseits vom Beginn eines goldenen Zeitalters künden, die alle Gesetze der Wirtschaft neu definieren würden. Ausgerechnet der angesehene Yale-Professor Irving Fischer wurde in der New York Times im Sommer 1929 mit den bedeutungsträchtigen Worten zitiert: “Die Aktienkurse haben ein dauerhaftes Niveau erreicht. Sie sind nicht zu hoch, und die Wall Street wird nichts dergleichen wie einen Crash erleben”.
“Eine Lawine von Verkäufern verschlang die Wall Street mit Haut und Haaren”
Fataler hätte diese Einschätzung kaum sein können. Am 3.September 1929, also vor fast exakt 77 Jahren, erreichte der Dow Jones Industrial Average seinerzeit bei 381 Zählern ein Allzeithoch, das er lange nicht wiedersehen sollte. Nach einem nervösen Herbstbeginn, als klar wurde, dass die US-Konjunktur merklich an Fahrt verlieren würde, brach am 22. Oktober 1929 plötzlich der Sturm los: Ohne Vorwarnung erreichten die Händler riesige Verkaufsorders. Erstmals seit Beginn der fast jahrzehntelangen Hausse blieb am nächsten Tag die vermeintliche Schnäppchenjagd aus. Die Stimmung war weiter angespannt.
Am Donnerstag, dem 24. Oktober, brachen dann plötzlich alle Dämme: “Eine Lawine von Verkäufern, die ohne Käufer blieben, verschlang die Wall Street mit Haut und Haaren”, schreibt André Kostolany in seinen Lebenserinnerungen Die Kunst über Geld nachzudenken. Die amerikanische Finanzszene versuchte unter Führung des mächtigen John Pierpont Morgan II (sein Vater war der Gründer der bis heute legendären Investmentbank J.P. Morgan) eine Rettung in Form einer konzertierten Stützungsaktion: Die für die damalige Zeit gigantische Summe von 240 Millionen Dollar wurde von den führenden Banken zur Verfügung gestellt, um die Panik abzuwenden.
1929er-Crash: Kreditfinanzierte Aktiengeschäfte wurden zum Verhängnis
Die vertrauensbildende Maßnahme half wenig: Der Glaube an die steigenden Kurse war dahin. Schon am Montag, dem 28. Oktober, ging der Ausverkauf in die nächste Runde. Und was für ein Ausverkauf es war! Der Dow Jones erlebte einen Absturz von 41 Punkten, was nach heutigem Stand einen Einbruch im Dow Jones von gegenwärtig 11.400 auf rund 10.000 Zählern bedeuten würde. Ausgelöst durch viele kreditfinanzierte Aktiengeschäfte wurden zahlreiche Anleger, die auf Pump gekauft hatten, zur Zwangsliquidation gezwungen – das Phänomen (”Margin Calls”) sollte im Dot.com-Crash der Jahrtausendwende abermals wiederkehren.
Der Ausverkauf beschleunigte nun den Ausverkauf: Stundenlang, so besagt es die Legende, war der Kursticker an der Wall Street mit aktuellen Notierungen im Rückstand. Der nächste Handelstag, Dienstag, der 29. Oktober, sollte keine Besserung bringen: Der Dow verlor abermals 13 Prozent an Wert – die Bezeichnung des “Tragic Tuesday” machte die Runde. Innerhalb von nicht einmal zwei Handelswochen hatte der Dow mehr als 100 Punkte an Wert eingebüßt.
Doch all das sollte erst den Anfang der kommenden Baisse darstellen. Obwohl der Ausverkauf im November kurzzeitig stockte, konnte der Abwärtstrend nicht mehr gestoppt werden: 1930 wurde die 200-Punktemarke nach unten durchbrochen. 1931 fiel gar die 100-Punktemarke, ehe Mitte 1932 das historische Tief von 41 Punkten im Dow Jones markiert wurde. Innerhalb von nicht einmal drei Jahren hatte der seinerzeit bereits wichtigste Aktienindex der Welt damit fast 90 Prozent an Wert verloren!
Crash von 1929: 25 Jahre Warten auf neue Höchstkurse
Die Kursstürze einzelner Aktien – vor der Hausse allesamt Qualitätswerte – fielen mitunter noch dramatischer aus:
• Chrysler stürzte vom Hoch bei 256 Dollar aus dem Jahr 1929 auf 5 Dollar im Jahr 1932 ab
• General Motors verbilligte sich vom Hoch bei 92 Dollar aus dem Jahr 1929 auf 4,5 Dollar im Jahr 1932
• General Electric brach vom Hoch bei 220 Dollar aus dem Jahr 1929 auf 20 Dollar im Jahr 1932 ein
• RCA kam gar vom Hoch bei 115 Dollar aus dem Jahr 1929 auf 3,5 Dollar im Jahr 1932 unter die Räder
Die Folgen des bislang größten Börsencrashs der Geschichte sind hinlänglich bekannt: Die USA rutschten in eine tief greifende Wirtschaftskrise (Great Depression), die die gesamte westliche Welt in den 30er-Jahren mit nach unten zog – von den Folgewirkungen für Politik und Gesellschaft ganz zu schweigen. Allein auf die Börsengeschichte beschränkt, wird das Ausmaß des 29er-Börsenkrachs in einer Ziffer fassbar: Es sollte eine ganze Anlegergeneration dauern, bis die einstigen Höhen bei 381 Zählern im Dow Jones wieder erreicht wurden – erst im November 1954 war es wieder so weit.
