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Die Kunst des Vermögensaufbaus 4: Börsencrashs


Die großen Indizes und viele Anleger haben den Kursrutsch der 2000er-Baisse bis heute nicht verdaut. Und doch müssen sich Aktionäre nicht grämen: Jeder noch so vernichtende Einbruch bietet Kaufchancen – und wurde in der Gesamtheit wieder aufgeholt.

Es klang wie eine Prophezeiung: “Ich bin sicher, dass der Börsenkrach von 1929 noch einmal passieren wird”, erklärte John Kenneth Galbraith, der vielleicht renommierteste amerikanische Ökonom des vergangenen Jahrhunderts, bereits in den 50er-Jahren. “Alles, was man für einen neuen Zusammenbruch braucht, ist, dass die Erinnerung an diesen Wahnsinn schwächer wird.”

Knapp ein halbes Jahrhundert später war es offenbar so weit: Nach einer Dürreperiode an den amerikanischen Aktienmärkten, die vom Ende der 60er bis zum Anfang der 80er-Jahre dauerte, hatten die Bullen 1982 wieder das Regiment an der Wall Street übernommen. 18 lange Jahre grasten sie an den Börsen so ziemlich alle Renditemöglichkeiten ab, die die Aktienmärkte hergaben – mal waren es Valuewerte, dann Wachstumswerte und schließlich Internetaktien.

Muster in neuen Gewändern: Parallelen des 2000er-Crashs zu früheren Spekulationsblasen unverkennbar

Die Ausmaße der Dot.com-Euphorie glichen in erstaunlicher Übereinstimmung den Mustern vergangener Spekulationsblasen. Wie schon bei der Tulpenhysterie war es ein neues Objekt der Begierde, das die Begeisterung entfachte: Wie die Tulpenzwiebel diente auch das vermeintliche Wundermedium Internet als Projektionsoberfläche für eine bessere Zukunft. Wer die attraktivsten Tulpenzwiebeln besaß, verfügte über ein Statussymbol, das für gesellschaftlichen Aufstieg stand. Wer die vermeintlich heißesten Dot.coms besaß, schien ebenfalls das Ticket zu einer besseren Zukunft zu besitzen – diesmal in Form der trügerischen Lizenz zum Gelddrucken.

Auch diese fatale Wette auf die Zukunft war bekanntermaßen nicht neu: Bereits während der South Sea Bubble investierten Spekulanten leichtfertig in die vermeintlich so herausragenden Perspektiven des Überseehandels, so wie Ende der 90er-Jahre in die verlockenden Wachstumsaussichten vieler Startups – dabei hatte weder die South Sea Company noch die meisten Dot.coms bis dahin den Nachweis ihrer Geschäftstauglichkeit abgeliefert. Fatalerweise wurde dieser Irrglaube auch noch mit Kredit befeuert – in den 2000er-Jahren wie auch bereits in den 20er-Jahren. In beiden Fällen endete der Traum vom schnellen Reichtum mit einer Kettenreaktion, als die kreditgebenden Banken Zwangsliquidationen (Margin Calls) durchführten.

Dax: 2000er-Baisse schlimmster Einbruch aller Zeiten

Das Ergebnis ist bekannt: Erst kollabierte mit den heiß gelaufenen Internetwerten der gesamte Hightechsektor, dann ging auch der Old Economy, deren Aktien sich vom absurd ambitiösen Bewertungsniveau hatten anstecken lassen, leicht zeitversetzt die Luft aus. Wie auch 1929 rutschte die Weltwirtschaft in der Folge in eine schmerzhafte Rezession ab. Und ebenfalls erreichte die letzte Baisse wie auch zu Zeiten des großen Börsenkrachs ihren Tiefpunkt nach drei Jahren – seinerzeit 1932, in diesem Jahrzehnt 2003.

Wie einschneidend der 2000er-Crash tatsächlich verlaufen ist, verdeutlicht ein Blick auf die großen Börsenindizes, die auch nach einer mittlerweile mehr als dreieinhalbjährigen Erholung noch immer unter den einstigen Höchstkursen notieren: Der MSCI World Index und der Dow Jones Industrial Average nur noch minimal (jeweils fünf Prozent Abstand), Dax (27 Prozent) und EuroStoxx (30 Prozent) dagegen deutlich. Vor allem der deutsche Bluechip-Index erlebte im Zuge der dreijährigen Baisse seine schwärzeste Stunde: In der Spitze brach der Dax zwischen 2000 und 2003 um sage und schreibe 73 Prozent ein! So stark hatten deutsche Aktien – nachträglich indexiert – selbst in den Wirren der Weimarer Republik nicht verloren.

Millenniumshausse: So ziemlich jeder Anleger schien mit dem Haussevirus infiziert

Die Erkenntnis erstaunt: Im Rückspiegel der Börsengeschichte ist der 2000er-Börsenkrach also der größte Absturz, den deutsche Aktien seit Beginn der Börsenaufzeichnungen erlebt haben! Mit dem reiflichen Abstand einiger Jahre erschien der Absturz natürlich folgerichtig: Praktisch die gesamte Anlageklasse der Aktien war um die Jahrtausendwende – nach historischen Bewertungsniveaus – massiv überteuert.

Doch der Blick für die Realität war seinerzeit stark vernebelt: So ziemlich jeder Börsianer schien zur Jahrtausendwende mit dem Haussevirus infiziert – inklusive der Wirtschaftspresse. So empfahl etwa die renommierte Wirtschaftswoche im Februar 2000, also auf der absoluten Höhe der Millenniumshausse, “als Aktien für die langfristige Anlage ohne Sorgen” die Allianz zu 347 Euro, die Deutsche Telekom zu 103 Euro und gar MCI Worldcom zu 49 Euro. Das Ergebnis ist bekannt: MCI Worldcom ist längst pleite, die T-Aktie notiert heute etwa 90 Prozent tiefer, die Allianz mehr als 60 Prozent.

Trotz einschneidender Börsenbaisse: Viele Indizes und Aktien notieren bereits wieder auf Allzeithochs

So wenig tröstlich für Besitzer dieser Aktien die alte Börsenweisheit ist, dass die Flut an den Aktienmärkten leider nicht alle Boote hebt, so bemerkenswert ist doch die Tatsache, wie schnell sich viele andere Dax-Mitglieder wieder erholt haben: Obwohl die schwerste Krise in der deutschen Börsengeschichte gerade einmal dreieinhalb Jahre her ist, notieren im Dax neben dem Indexschwergewicht E.on mittlerweile ebenso Adidas, BASF, Continental, Henkel, Linde, MAN und RWE auf jüngst aufgestellten Allzeithochs.

Viel wichtiger jedoch: Das Anlageuniversum ist natürlich nicht nur auf den Dax beschränkt. Wer in den vergangenen Jahren etwa vorausschauend in Nebenwerte investierte, könnte sich vermutlich in noch weitaus größerem Maße über Aktien auf Rekordniveaus freuen: So eilt der Nebenwerteindex MDax bereits seit rund zwei Jahren von Allzeithoch zu Allzeithoch. Noch mehr war an den internationalen Börsen, für die sich ein diversifizierter Anleger ohnehin immer interessieren sollte, zu holen – von Australien über Russland bis nach Südamerika tobte der Bulle in diesem eigentlich problematischen Börsenjahrzehnt.

Die Anlagefavoriten mögen sich schon im nächsten Jahrzehnt, im nächsten Jahr, vielleicht im nächsten Monat oder gar schon morgen ändern, so wie sich die Anziehungskraft von bestimmten Unternehmen, Branchen oder Anlagestandorten an der Börse im Laufe der Zeit eben ändert, wie Fidelity unlängst treffend vorgerechnet hat. Doch selbst, wer nicht ständig die nächsten Kursraketen im Depot hält, kann mit einem gut ausgewogenen Aktienportfolio langfristig erstaunlich erfreulich abschneiden.

Quelle/Source: yeald.de
AddThis Social Bookmark Button     Posted in Deutsch from Investor on 27. Jan. 2007


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