Die Kunst des Vermögensaufbaus 5: Superstar Aktie
Das Verhältnis der Bundesbürger zur Aktie ist weiter gespalten. Verschreckt durch die Politik und die Baisse der 2000er-Jahre kehren immer mehr Deutsche der Aktie den Rücken zu. Dabei verspricht keine andere Anlageklasse höhere Renditen.
Aktionär zu sein, ist nicht das leichteste Los. Wie wir im vorangegangenen Artikel gesehen haben, ist der schlimmste Absturz in der Geschichte der deutschen Aktienmärkte gerade einmal dreieinhalb Jahre her. Wie die jüngsten Erhebungen des Deutschen Aktieninstituts (DAI) deutlich machen, dürfte dieser Schock nicht wenigen Anlegern noch in den Knochen sitzen: So wollen sich nicht einmal mehr zehn Millionen Bundesbürger noch Aktionäre nennen – vor fünf Jahren waren es noch fast drei Millionen mehr.
Der Reflex ist verständlich. Schon André Kostolany, “der große Wanderprediger der Börse”, wie er sich selbst halbironisch immer wieder gern nannte, verschwieg die Mühen, Rückschläge und Schmerzen nicht, die auf einen Aktionär in seinem Anlegerleben zukommen werden. “Bevor man die Börse wirklich begreift und vielleicht ein klein wenig meistern kann, muss man viel Lehrgeld bezahlt haben”, warnte der ungarische Grandseigneur der Börse in seinem Lebenswerk Die Kunst über Geld nachzudenken. Und fügte noch vielsagend hinzu: “An der Börse gewonnenes Geld ist Schmerzensgeld. Zuerst kommen die Schmerzen, dann das Geld.”
Der wahrscheinlich größte Anlegerfehler liegt in der verkürzten Sichtweise
Dass das jedoch extrem üppig ausfallen kann, beweist ein Blick in die Börsengeschichte. Damit ist jedoch nicht nur die jüngere Vergangenheit gemeint, die fraglos bislang als ein schwieriges Börsenjahrzehnt gelten muss und trotzdem bereits viele exorbitante Gewinne hervorgebracht hat, sondern die vergangenen Dekaden des letzten Jahrhunderts. Nicht umsonst schrieb der erfolgreichste Investor der Welt, Warren Buffett, einst die legendären Worte: “Eine Aktie, die man nicht zehn Jahre zu halten bereit ist, sollte man auch nicht zehn Minuten besitzen”.
Bei einer so schwankungsintensiven Anlageform wie der Aktie kann gerade die langfristige Perspektive nicht oft genug betont werden. Der wahrscheinlich größte Fehler, den ein Anleger begehen kann, liegt entsprechend in einer verkürzten Sichtweise: Nicht die Performance der vergangenen drei guten oder der vorausgegangenen drei schwachen Jahre sollte ein Anleger daher als Bemessungsgrundlage für die Entwicklung einer Aktie wählen – sondern vielmehr die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte, schließlich dürfte so lange auch sein Vermögensaufbau dauern.
MSCI, Dow und Dax: 8 Prozent p.a. als magische Renditemarke der vergangenen Jahrzehnte
Welche erstaunliche Renditeentwicklung im Laufe der vergangenen Jahrzehnte nämlich möglich ist, beweist ein Blick auf die Performance der großen Indizes. Der Dow Jones Industrial Average, lange Zeit das Leitbarometer der Börsenwelt, notierte vor exakt 30 Jahren bei 989 Zählern. Heute sind es 11.469 Punkte. Summa summarum entspricht das einer stolzen Wertsteigerung von mehr als tausend Prozent in drei Jahrzehnten. Wer seinerzeit also 100.000 Dollar in ein Indexzertifikat des Dow Jones investiert hätte, wäre heute – trotz des Ölpreisschocks Ende der 70er-Jahre, trotz der fortwährenden Bedrohung des Kalten Krieges, trotz des ersten und zweiten Irak-Kriegs, trotz des 11. Septembers 2001 und mehrerer Abstürze in die Rezession – nicht weniger als Millionär.
Bemerkenswert an diesem Rechenbeispiel ist vor allem die Tatsache, dass der Anleger sein stattliches Vermögen quasi per Autopilot – nämlich über den Index und damit also ohne individuelle Aktienauswahl – aufgebaut hätte. Noch erstaunlicher: Die Wertsteigerung von tausend Prozent ist keinesfalls ein Kunststück. Bei genauer Betrachtung resultiert die Kursentwicklung des Dow Jones nämlich aus der jährlichen Zuwachsrate von exakt 8,5 Prozent. Eine Rendite in dieser Größenordnung ist jedoch keinesfalls einmalig – auch der heute viel maßgeblichere MSCI World Index, der die höchst kapitalisierten Unternehmen aus 23 Nationen umfasst, hätte Anlegern in den vergangenen dreißig Jahren ähnlich hohe Kurszuwächse von etwas mehr als acht Prozent p.a. beschert. Dasselbe gilt auch – nachträglich indexiert – für den Deutschen Aktienindex (Dax), der von der Deutschen Börse seit 1987 festgestellt wird.
Erfolgsgeheimnis: Dabei sein ist alles
Für Anleger, die erst heute zur Börse stoßen, ist diese Machbarkeit eines respektablen Vermögensaufbaus, ganz ohne hektisches Umschichten und Traden, vielleicht die wichtigste Erkenntnis. Auch der gewählte Beispielzeitraum von dreißig Jahren relativiert sich auf Sicht eines Lebens: Allein schon das durchschnittliche Arbeitsleben dürfte für die meisten Bundesbürger länger dauern. Auf Basis der Renditeerwartungen der vergangenen Jahrzehnte könnte sich also ein heute 35-Jähriger, der sich entschließt, 100.000 Euro in entsprechende Indexzertifikate oder Fondsprodukte mit einem vergleichbaren Erfolgsnachweis (trackrecord) zu investieren, durchaus berechtigte Hoffnungen machen, als Millionär in Rente zu gehen – und sich damit im Vorwege gegen die unsägliche Rentenlücke abzusichern.
Je früher sich ein Anleger an der Börse engagiert, desto größer sind also seine Chancen, langfristig ein Vermögen aufzubauen – und desto mehr Möglichkeiten bestehen auch, einschneidende Rückschläge nach Crash-Szenarien wieder auszugleichen. Natürlich werden den wenigsten Bundesbürgern zum Einstieg ihres Anlegerlebens Summen in der genannten Größenordnung zur Verfügung stehen, wie auch ein aufmerksamer Leser sehr richtig bemerkt hat.
Per Autopilot zum Ziel: Der Cost Average-Effekt
Doch für einen Einstieg in Aktien muss ein eher bescheidenes Startkapital keinesfalls nur ein Nachteil sein: Einerseits lernt der Anleger die Grundlagen der Börsenwelt so erst einmal anhand kleinerer Beträge kennen und kann erste Rückschläge vielleicht besser verkraften, andererseits wird er durch mehrfach gestückelte Investitionen auch das Risiko eines unglücklichen Kaufzeitpunkts minimieren.
Der Königsweg dieser Anlagestrategie führt dabei über Sparpläne, nach denen monatlich ein festgelegter Betrag in ein bestimmtes Fondsprodukt (das als Indexfonds auch einen der großen Leitindizes abbilden kann) zu einem festgelegten Datum investiert wird – etwa 100 Euro zu jedem 15. des Monats (sogenanntes “Fondssparen”). Auf diese Weise macht sich der Sparer den sogenannten “Cost Average-Effekt” zunutze: In Phasen steigender Kurse partizipiert er voll am haussierenden Markt, in Phasen sinkender Kurse erhält er für sein Geld mehr Anteile, ohne sich mit der Frage des richtigen Kaufzeitpunkts beschäftigen zu müssen.
Die magische Wirkung des Zinseszins, also der automatischen Wiederanlage der erwirtschafteten Rendite, greift auch hier. So würde ein Anleger, der jeden Monat 250 Euro in einen Fonds investiert, der eine jährliche Rendite von 8 Prozent abwirft, nach 30 Jahren über ein stattliches Vermögen von rund 350.000 Euro verfügen – und das, obwohl er über die Jahre tatsächlich nur 90.000 Euro eingezahlt hätte!
Microsoft, Puma, Solarworld: Viele tausend Prozent Gewinn mit den Erfolgsstorys der Aktienmärkte
Natürlich gibt es noch glamourösere Argumente für die Anlageklasse der Aktie – nämlich etwa die großen Erfolgsstorys besonders renditestarker Wertpapiere. So debütierte etwa Microsoft, das heute noch immer höchst bewertete Technologieunternehmen der Welt vor rund Jahren 20 Jahren (am 13. März 1986) für weniger als – splitbereinigte – 10 Cent je Aktie. Trotz des Kursrückgangs seit 2000, der mittlerweile fast 60 Prozent der Marktkapitalisierung eliminiert hat, hätten sich Erstaktionäre bis heute über die sensationelle Wertsteigerung von mehr als 15.000 Prozent freuen können! Aus dem Einsatzkapital von knapp 7000 Dollar wäre also eine Million geworden.
Auch in diesem Krisenjahrzehnt und sogar an den deutschen Aktienmärkten waren ähnliche Kurszuwächse möglich: So notierte der zweitgrößte deutsche Sportartikelhersteller Puma vor exakt sechs Jahren noch bei 14,30 Euro. Gestern wurden 273 Euro je Anteilsschein bewilligt. Aktionäre, die dem Papier sechs Jahre die Treue gehalten hatten, können sich über eine Wertsteigerung von mehr als 1800 Prozent freuen. Noch mehr in noch kürzerer Zeit war gar für Solarworld-Aktionäre drin: Innerhalb von nur rund drei Jahren verteuerte sich der Gipfelstürmer von splitbereinigten 0,50 Euro in 2003 auf gegenwärtig 47 Euro – ein Plus von astronomischen 8400 Prozent!
Kein Zweifel: Einen solchen zukünftigen Highflyer auf dem Tiefpunkt aufzulesen, zählt zu den ganz großen Glücktsreffern im Leben eines Anlegers, der den meisten Börsianern verwehrt bleibt. Doch darüber müssen sich Aktionäre nicht ärgern: Die Börse ist bekanntermaßen ein Marathon, der nur selten durch einen Zwischensprint, sondern vor allem durch die Disziplin des Durchhaltens gewonnen wird. Leider jedoch fällt das den meisten Aktionären erstaunlich schwer.
