Die Kunst des Vermögensaufbaus 6: Eine Frage der Persönlichkeit
Bevor sich der Anleger damit beschäftigt, welche Anlagevehikel zu ihm passen könnten, sollte er sich über eine ganz andere Grundsatzfrage Gedanken machen: Welche Persönlichkeit besitzt er eigentlich?
Eine robuste deutsche Wirtschaft, eine schwächelnde US-Konjunktur, rasant wachsende Schwellenländer – Private-Equity-Investments auf dem Vormarsch, Solarwerte vor der nächsten Rally, attraktive Neuemissionen vor dem Börsendebüt oder vielleicht Hedgefonds vor der Wiederentdeckung? Kein Zweifel: Das Anlageuniversum im Jahre 2006 könnte kaum größer sein – doch in was sollte ein Anleger nun investieren? Glaubt man den immer aggressiveren Werbeoffensiven der Investmentgesellschaften, drängt sich in diesen Tagen so ziemlich jedes Finanzprodukt auf.
Dass eine solche Anlagestrategie nicht nur die finanziellen Mittel, sondern am Ende auch die Logik der Grundrechenarten ausschließt, wusste schon der legendäre Investmentbanker Sir John Templeton: “Wer die gleichen Aktien kauft wie alle anderen, hat auch die gleiche Performance!” erklärte der Begründer der Templeton-Fonds einst sehr treffend. Wohl dem, der da in den vergangenen Jahren Titel wie Puma, Solarworld oder Continental in seinem Depot hatte: “Warum soll ich die zweitbeste Aktie kaufen, wenn ich die beste haben kann?” fragte schon Warren Buffett, der de facto erfolgreichste Anleger der Welt, einst sehr spitzfindig.
Börsenengagements: Eine Frage der Persönlichkeit
Doch der Traum vom Stockpicking bleibt für viele Anleger ein Mythos. Die Erfahrung zeigt, dass die Suche nach der vermeintlich renditestärksten Anlage früher oder später in Enttäuschungen endet – selbst vier von fünf Fondsmanagern schneiden schlechter als der maßgebliche Index ab. Ein gesunder Realismus ist daher an der Börse unumgänglich: “Man sollte immer in verschiedene Aktien investieren, denn von fünf Aktien ist eine super, eine absolut schlecht und drei sind okay”, brachte der legendäre Fidelity-Fondsmanager Peter Lynch das Kernkriterium eines jeden strukturierten Vermögensaufbaus auf den Punkt – nämlich das der Diversifikation, über die Sie noch mehr im Verlauf der Serie lesen werden.
Bevor es allerdings so weit ist, sich mit der persönlichen Produkt- und Aktienauswahl zu beschäftigen, sollte der Anleger einer anderen, viel grundlegenderen Überlegung nachgehen – nämlich der Grundsatzfrage, ob er überhaupt für die Börse geschaffen ist. “Hat man eine schlaflose Nacht wegen eines Börsenengagements, soll man es sofort lösen”, mahnte die ungarische Börsenlegende André Kostolany immer wieder in Vorträgen und Büchern.
Der Faktor Psychologie
Das scheinbar selbstverständliche Bonmot hat eine erstaunliche Tragweite: Die Erfahrung der Börse zeigt nämlich, dass sich nicht jeder an ihr zurechtfindet. Die Mechanismen, die Grundzüge des Auf und Ab an den Aktienmärkten sind theoretisch fraglos zu erlernen. Da sind etwa die großen Grundfragen der fundamentalen Aktienanalyse: Wie wird eine Aktie bewertet? Wie hoch ist ihre Dividendenrendite? Wie schnell wächst das Unternehmen?
Doch all diese fundamentalen Kennziffern sagen am Ende nicht viel über den Verlauf des tatsächlichen Aktienkurses aus, der gerade auf kurze Sicht von einem ganz anderen Faktor abhängt: Der Marktstimmung. Die wiederum wird ganz maßgeblich von unbewussten Triebkräften bestimmt, wie wir schon an anderer Stelle gelernt haben: “Die Börse reagiert gerade mal zu zehn Prozent auf Fakten. Alles andere ist Psychologie”, erklärte André Kostolany das Leitmotiv der Behavioral Finance einst.
Das Auf und Ab der Märkte: Reifeprüfung des Anlegers
Der Umgang mit diesen Launen der Börse, mit den überschäumenden Haussebewegungen und den dramatischen Abstürzen in einer Baisse, ist am Ende vor allem eine Frage der Persönlichkeit. Es gibt nicht wenig gebildete Anleger, die über eine große Lebenserfahrung und profunde Kenntnisse der Aktienmärkte verfügen und trotzdem per Saldo an der Börse draufzahlen. Von diesem Anlegertypus hat André Kostolany in seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen ein scharfes, wenn auch wenig schmeichelhaftes Psychogramm erstellt – es ist der Typus der “zittrigen” Anleger:
“Sie kaufen immer dann, wenn in den Massenmedien von der großen Aktienhausse berichtet wird, und auf jeder Party Aktien das Thema Nummer eins sind. Ihre Freunde prahlen mit großen Aktiengewinnen, und da wollen sie unbedingt dabei sein. Fast panisch kaufen sie alles, was bereits gestiegen ist. Sie kaufen, was in Mode ist.” Dreht der Markt jedoch, bekommen die Zittrigen schnell kalte Füße: “Die Zittrigen, die zuvor bei den hohen Kursen eingestiegen waren, geben nun nur noch einen Auftrag: Alles verkaufen.”
Es liegt in der Natur der Sache, dass natürlich kein Anleger gern ein “Zittriger” sein möchte. Am Ende des Tages sind wir schließlich alle Meister im Selbstbetrug: Verluste werden schöngeredet, Gewinne überbewertet. Doch die Statistik, erfasst vom Deutschen Aktieninstitut (DAI), lügt bekanntlich nie. Auch im jüngsten Kursrutsch des Frühsommers agierte der Großteil der Anleger wieder sehr prozyklisch: Während im ersten Quartal der steigenden Kurse der Mittelzufluss noch stolze 3,5 Milliarden Euro betrug, wurden im zweiten Quartal der bröckelnden Kurse saftige 7 Milliarden Euro abgezogen. Es scheint fast, als könnten Börsianer einfach nicht dem Trend trotzen.
Psychobörsen: Wie verhalten Sie sich in Extremsituationen?
Seien Sie darum in einem stillen Augenblick ehrlich mit sich selbst: Wie verhalten Sie sich, wenn Sie von den schnellen Gewinnen Ihres Nachbarn oder Arbeitskollegen hören, obwohl Sie selbst seit Monaten über einen Einstieg an der Börse nachdachten? Und wie viel Risiko vertragen Sie, wie viel Druck halten Sie aus, wenn es schiefgeht? Denn dass es über Jahre richtig schiefgehen kann, beweist ein Blick auf die Börsenkrisen der vergangenen Jahrhunderte, vor allem aber der jüngeren Vergangenheit.
Gewiss, die Baisse der 2000er-Jahre – der bis dato schlimmste Kurssturz in der deutschen Börsengeschichte – ist das Negativbeispiel schlechthin: Doch Anleger, die um die Jahrtausendwende selbst dabei waren, wissen, dass sich selbst in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität größere Abstürze ereignen können als während der Wirren der Weimarer Republik.
Andersherum betrachtet kann es ebenso gut passieren, dass Sie, wie in den 18 Jahren zwischen 1982 und 2000, mit so ziemlich jedem Qualitätstitel so exorbitante Gewinne einfahren wie noch nie – und am Ende vom Wirtschaftsboom eigentlich gar nichts mitbekommen. Diese Extreme machen die Börse aus – auch und gerade in ihrer Abkopplung von volkswirtschaftlicher Logik: “Alles ist möglich, auch das Gegenteil von allem”, wie es schon der französische Philosoph La Bruyére vor einigen Jahrhunderten so treffend formulierte.
Idealszenario: Die Persönlichkeit mit dem Anlageverhalten in Einklang bringen
Dass Aktien am Ende des Tages ins Depot gehören, sollte für Anleger unter Renditegesichtspunkten trotz aller noch so dramatischen Börsenkrisen dennoch keine Frage sein – langfristig schlagen sie, wie wir im vorigen Teil gesehen haben, über den historischen Nachweis von Jahrhunderten jede andere Anlageklasse. Die Frage ist daher vielmehr, welche Gewichtung ein jeder Anleger der Investmentklasse individuell beimessen möchte.
Bevor sich ein Anleger an den strukturierten Portfolioaufbau macht, sollte er sich daher einer ganz ehrlichen Analyse unterziehen. Er sollte mit seiner Persönlichkeit in Einklang bringen, mit welcher Schwankungsbreite er in seinem Portfolio leben kann, wie viel maximalen Verlust er schlimmstenfalls erträgt – und ab welcher Schwelle er also die viel zitierten “schlaflosen Nächte” bekommt. Agiert er entgegen seinem persönlichen Risikoprofil können Aktienengagements einerseits zur emotionalen Qual, andererseits aus finanzieller Hinsicht aber vor allem zum teuren Lehrgeld werden, wie der amerikanische Investmentbanker David Dreman so treffend herausgearbeitet hat: “Wenn Sie nicht wissen, wer Sie sind, ist die Börse ein verdammt kostspieliger Ort, es herauszufinden.”
