Globalisierungsfalle für Anleger
Geldanlage in BRIC-Ländern oder in Zukunft gar in Afrika versprechen ausgezeichnete Renditen. Die Finanzmärkte sind schließlich global und die Möglichkeiten sind zahlreich. Allerdings erkaufen Anleger sich höhere Renditen mit höheren Risiken. Immer.
Es hört sich toll an: Geld anlegen in Brasilien, Russland, Indien und China. Denn schließlich spielt hier vermutlich die Wachstumsmusik der Zukunft. Findige Marketing-Strategen von Goldman Sachs fanden für die genannten Länder eine griffige Kurzform: BRIC-Länder. Andere Gesellschaften und sogar die Medien folgten dieser Idee. Vor wenigen Jahren noch wurden diese Länder allesamt als Schwellenländer oder als Emerging Markets bezeichnet. Das klang zwar weniger verheißungsvoll; trifft aber die Wirklichkeit genauer, denn diese Länder sind keineswegs gefestigt. Weder politisch noch wirtschaftlich. Die Währungen können Kapriolen schlagen oder extreme Inflationsraten können die Wirtschaft in Unruhe versetzen. Die Schwelle zur Industrienation birgt noch eine Reihe von Risiken, die in der Regel von unerfahrenen Anlegern unterschätzt werden.
An Geldanlagen in Emerging Markets trauten sich Ende der 90er-Jahre des letzten Jahrtausends nur wenige heran. Ein Fondsmanager wie Mark Mobius von der Fondsgesellschaft Franklin Templeton beispielsweise war einer der “First Mover” in den Märkten der Entwicklungsländer. Über die Geldanlage in Thailand bemerkte Mobius bereits 1997 in einem Interview mit der Asia Business News: “Man sollte nicht ausschließlich in Thailand investieren. Man sollte nicht ausschließlich in Hongkong investieren. Man sollte global investieren.” Mobius bereiste die Länder und unterhielt sich ausführlich mit Managern und Regierungsvertretern. Seine Warnungen klingen ziemlich altmodisch. Heutzutage sind zum Glück weltweite Investments per Knopfdruck möglich.
Angesagt ist was kurzfristig Rendite bringt
Wenn man den Schlagzeilen einiger Anlegermagazine folgt, dann muss man einfach in Emerging Markets investiert sein, ansonsten verliert man einmalige Chancen. Selbst Fondsmanager, die nach ihren Anlageideen befragt werden, geben für Emerging Markets Gewichtungen von dreißig Prozent und mehr an. Zum einen ist das wenig pädagogisch und zum anderen gefährlich. Wer zu einseitig investiert, der läuft Gefahr sehr kalt erwischt zu werden. Denn an den Aktienmärkten bekommt niemand Überrenditen geschenkt. Die Gegenleistung ist ein erhöhtes Ausfallrisiko.
Anleger gehen in “Drittweltstaaten” allerlei zusätzliche Risiken ein: In Russland zeigt der Fall des verhafteten Michail Chodorkowskij, dem ehemaligen Chef von Yukos, dass man in diesem Land besser nicht zu stark engagiert sein sollte. Denn wenn der Kreml will, dann ist der Arm des Staates immer noch sehr lang und Privatgelder sind keinesfalls staatlich geschützt. In Bolivien enteignet der Staatspräsident Kapitalinvestoren noch offener, da er den Weg, über den die Eigentümer zu ihrem Privatbesitz gekommen sind, für ungerecht hält. Privates Eigentum wird einfach beschlagnahmt. In Thailand übernimmt eine Militärregierung das Staatsregime und kündigt für die Zukunft die Einführung von demokratischen Strukturen an. Ende offen.
Mit den relativ stabilen Geldanlagen in Europa, Japan oder in den USA jedenfalls sind die Aktiengesellschaften und die politischen Verhältnisse in den Drittweltstaaten keinesfalls vergleichbar.
Risikofaktor Währung
Wer sein Geld beispielsweise in China investiert, der muss als Europäer oder US-Amerikaner mit einer Aufwertung des Renminbi (chinesische Volkswährung) rechnen. Das klingt erstmal wie ein zusätzlicher Geldsegen. Denn schließlich würde eine Sachanlage in China teurer für ausländische Investoren. Auf der anderen Seite schadet eine Aufwertung der Inlandswährung dem Wachstum des Landes und in der Folge verlöre China an Wachstumsstärke. Den Nettoeffekt einer Währungsschwankung kann man nicht vorhersagen. Unter dem Strich bleibt vermutlich ein hohes zusätzliches Risiko. Auch in Brasilien gibt der “Real” Währungsexperten immer wieder neue Rätsel auf.
Richtig ist in jedem Fall, dass Veränderungen der Währungsrelationen immer zusätzliche Risiken für das Wachstum mit sich bringen. Und gerade bei den BRICs werden inzwischen hohe Wachstumserwartungen gehandelt und jede negative Überraschung kann einen kurzfristigen Erdrutsch an den Börsen auslösen. Oft wird auch das Thema Inflation im Land einfach ausgeblendet.
Risikofaktor Börsenpräsenz
Gelegentlich sollten sich Anleger die alten Anlagegrundsätze von Mark Mobius in den Emerging Markets in Erinnerung rufen: Wer profitiert zuerst von einer anspringenden Wirtschaft? Infrastrukturanbieter, Finanzwerte und Konsumtitel. Dummerweise sind in den BRIC-Ländern die meisten börsennotierten Titel Rohstoff-Unternehmen, Mineralölkonzerne und Industrieunternehmen. Anleger laufen also Gefahr, gar nicht vollständig an einer positiven Entwicklung des Landes teilzuhaben. Stattdessen könnten die Investments in die wenigen schon börsennotierten Unternehmen in einer Blase enden, die in einigen Jahren jäh zerplatzt. Den vermeintlichen Gründerunternehmer im indischen Hinterland, der in Zukunft einmal Microsofts Vorherrschaft im Computermarkt in Frage stellt, findet man vermutlich noch nicht auf dem Kurszettel. Vielleicht spricht Mark Mobius gerade mit ihm in einem dieser altmodischen Hintergrundgespräche.
Aber auch Mark Mobius ist nicht immer erfolgreich. Manchmal sogar gar nicht: Er ist als Manager des Templeton Thailand Fund von den aktuellen Ereignissen in Thailand ebenfalls kalt erwischt worden. Er ist schließlich Kummer mit den Emerging Markets gewohnt: Seit Auflegung 1997 ist der Fonds noch immer mit über 19 Prozent (Stand: 31. August 2006 Basis Euro) im Minus.
Immerhin: Mobius ist auch für einen BRIC-Fonds verantwortlich und der schaffte in diesem Jahr laut Homepage der Fondsgesellschaft ein Plus von 12,9 Prozent. Übrigens: Wer in den letzten 52 Wochen in europäische Standardwerte investiert hat, der konnte ein Plus von etwa 17 Prozent erzielen - gemessen am DOW Jones Euro Stoxx 50 Index.
