Investor Today  

Investment-Mythos 4: Rechtzeitiges Umschichten schützt vor Risiko und maximiert Rendite


Das Thema ist so alt wie die Menschheit und beschränkt sich nicht auf Investment. Wie gehe ich mit Risiko um? Kann ich negativen Entwicklungen einen Schritt voraus bleiben?

Im Umgang mit Risiko sind Menschen in der Regel nicht besonders rational. Oft verhalten wir uns wie folgt. Bei einer risikovollen Entscheidung denken wir zuerst ganz rational über die Optionen nach. Unabhängig von dem Ergebnis unserer rationalen Überlegungen wählen wir anschließend dann doch die Option, die wir von Anfang an favorisierten. Zur Beruhigung unseres Gewissens suchen wir anschließend nach einer rational anmutenden Erklärung, warum unsere irrationale Wahl trotzdem richtig ist.

Halten Sie die Augen offen und Sie werden diese Vorgehensweise viele Male am Tag bei Ihren Mitmenschen wiedererkennen. Dieses rational anmutende irrationale Verhalten ist extrem tief in uns verankert. Die Psychologie widmet sich diesem Phänomen, insbesondere im Rahmen der kognitiven Dissonanz.

Es gibt auch Psychologen, die die Meinung vertreten, dass unser Verhalten immer rational und zielorientiert ist. Es sieht nur irrational aus, weil wir selbst nicht erkennen, welche Ziele wir tief in uns tragen. Wie dem auch sei, es sitzt tief in uns. So tief, dass wir dieses Verhalten überall einsetzen, privat und beruflich.

Nicht nur, aber sicher auch im Investmentgeschäft, kann rational anmutendes irrationales Verhalten zu großen Problemen führen. Denn es bringt in uns Allen eine Neigung hoch, Risiko zu verharmlosen.

Wir wählen am Liebsten die Strategien, die die höchste Rendite bringen. Mit dem Risiko kommen wir schon klar. Für die Rationalisierung der irrationalen Entscheidungen wird dann gerne auf unanfechtbare Bildsprache oder Fachbegriffe zurückgegriffen.

So werden Sie häufig hören, dass das Risiko einer Anlage „sich in Grenzen hält“ weil der Investmentmanager seinen „Finger am Puls der Märkte hat“, ein ausgeklügeltes Risikomanagementsystem einsetzt oder mit Derivaten alles absichert. Leider ist das in der Regel Unsinn.

Denn Derivate zur Risikobegrenzung bewirken nichts anderes als die Aufgabe von Renditechancen für eine Verringerung des Risikos. Ein Risikomanagementsystem ist grundsätzlich natürlich sinnvoll. Aber es kann das Gesetz von Risiko und Rendite nicht außer Kraft setzen. Risiko und Rendite gehen Hand in Hand. Und ein Finger am Puls der Märkte ist nichts anderes als ein weniger ausgeklügeltes Risikomanagementsystem.

Letztendlich laufen diese und andere Formen vom Umgang mit Risiko auf eine Art von Market Timing hinaus. Und Market Timing ist als Anlagestrategie dauerhaft nicht erfolgreich. Das gilt nicht nur für Privatinvestoren.

Folgende Beispiele zeigen, dass auch Finanzprofis regelmäßig in die Falle der „Wegrationalisierung“ von Risiko tappen.

In den siebziger Jahren geriet das amerikanische Bankensystem in eine existenzielle Krise. Tausende von kleineren Banken (vergleichbar mit unseren Genossenschaftsbanken und Sparkassen) hatten einen „Mismatch“ zwischen ihren Anlagen und deren Finanzierung. In ruhigen Zeiten hatten sie kurzfristiges Spargeld der Kunden in langfristige Hypothekenkredite angelegt.

Dann drehte sich der Rentenmarkt und eine inverse Zinsstruktur mit hohen „kurzen“ und niedrigen „langen“ Zinsen entstand. So fanden sich die Banken in einer Situation wieder, wo sie ihren Kunden hohe Zinsen für das kurzfristige Spargeld zahlen mussten, während sie aus den langfristig festgelegten Hypothekenkrediten nur niedrige Zinsen bekamen. Diese negative Zinsmarge zwang tausende Banken faktisch in die Insolvenz und das Federal Reserve System musste eine gewaltige Restrukturierung der Banken vornehmen.

Wie konnte die Situation entstehen? Die Banken hatten das Zinsänderungsrisiko unterschätzt und gemeint, im Fall der Fälle würden sie genug Zeit haben um Korrekturen vorzunehmen.

Dass auch Banken hierzulande nicht vor solchen Irrtümern gefeit sind, zeigt die Tatsache, dass eine unserer deutschen Großbanken einige Jahre nach der amerikanischen Bankenkrise auf Grund einer ähnlichen Schieflage in der Bilanz fast Pleite gegangen wäre. Auch diese Banker kannten das Risiko aber waren der Meinung, sie seien schlauer und schneller als der Markt.

Die im Durchschnitt aller Hedgefonds negative Rendite im ersten Quartal dieses Jahres zeigt, dass auch die bestbezahlten Finanzjongleure von heute nicht schlauer und schneller sind als der Markt.

Glücklicherweise hat sich im Risikomanagement in den letzten Jahren viel getan und verbessert. Die Systeme zur Messung der Risiken sind besser geworden. Langsam aber sicher durchschauen immer mehr Finanzmanager das Wesen des Risikos.

Wo viele Finanzmanager der alten Garde noch versuchten, Risiken durch eine möglichst genaue Vorhersage der Zukunft zu managen, haben sich die Finanzmanager von heute mehr damit abgefunden, dass die Zukunft nicht genau vorhersehbar ist. Anstelle von Vorhersagen zur vermeintlichen Verringerung des Risikos stellen sie sich die Frage, welche Risiken sie eingehen möchten und können, insbesondere auch unter ungünstigen Marktumständen. Das Konzept des Value-At-Risk gehört mittlerweile zum Handwerk eines jeden Bank- und Investmentmanagers.

Leider ist es noch nicht so, dass dieser Umgang mit Risiko sich schon ausreichend auf das Anlagemanagement für Privatkunden übertragen hat. Nicht alle, aber viele Berater haben ein überholtes Verständnis von Risiko und täuschen vor, dass Risiko durch rechtzeitiges Umschichten und andere Formen von Market Timing eingeschränkt werden kann.

Aber wenn die institutionellen Investoren das nicht hinbekommen, bekommen die privaten Investoren das auch nicht hin. Daher sollte eine konkrete, quantitative Risikoberatung Bestandteil jeder Investmentberatung sein.

Das Risiko wird dadurch nicht weniger. Aber der Kunde kann bewusst wählen, wie viel Risiko er eingehen kann und möchte.

Quelle/Source: yeald.de

AddThis Social Bookmark Button     Posted in Deutsch from Investor on 28. Nov. 2006


Post a comment: